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Animadok „Flee“ beim Internationalen Trickfilm Festival ITFS

Der animierte Dokumentarfilm „Flee“ über eine persönliche Fluchtgeschichte aus Afghanistan sorgte international für Furore und war in diesem Jahr sogar für drei Oscars nominiert. Beim Stuttgarter Trickfilmfestival gewann er den Preis als bester Langfilm.

Charlotte Sanchez und Astrid Beyer © Ulrike Becker
Die Line-Producerin Charlotte Sanchez und DOKVILLE Kuratorin Astrid Beyer © Ulrike Becker

Haus des Dokumentarfilms präsentiert „Flee“ beim ITFS

Beim Internationalen Trickfilmfestival Stuttgart (ITFS) moderierte Astrid Beyer vom Haus des Dokumentarfilms das Filmgespräch mit der Line Producerin Charlotte Sanchez. Charlotte Sanchez erläuterte, dass die Verfilmung der dramatischen Geschichte der Flucht des 16jährigen Afghanen Amin zunächst anders geplant war. Auf Grundlage eines ausführlichen Radio-Interviews des Regisseurs Jonas Poher Rasmussen mit seinem Protagonisten 20 Jahre nach dessen Flucht sollte zunächst ein kürzerer Fernsehbeitrag produziert werden, etwa zur Hälfte mit Animationen. Doch das Filmprojekt entwickelte sich und es wurde ein langer Dokumentarfilm, der durchgängig animiert ist, wenn auch ergänzt durch historisches Footage von verschiedenen Stationen der Flucht. Diese waren wichtig, um Authentizität und ein Zeitgefühl zu vermitteln und letztlich auch günstiger als entsprechende Animationen. Allerdings war es gar nicht so einfach, historische Aufnahmen beispielsweise aus Kabul in den 1970er Jahren zu finden.

Unterschiede zwischen Animations- und Dokfilm

Da Regisseur Jonas Poher Rasmussen bis dahin keine Erfahrung mit Animation hatte, wurden ihm die Art Directorin Jess Nichols und der Animations Regisseur Kenneth Ladekjaer zur Seite gestellt. Diese zeigten ihm, wie Animation funktioniert und dass dort die Szenen und Bildfolgen früh geplant und festgelegt werden müssen. Anschließend können sie dann nicht mehr geändert werden. Auf der FMX-Konferenz betonte Jess Nichols, dass dies der entscheidende Unterschied sei zum Dokumentarfilm, der letztlich im Schneideraum entsteht und bei dem Änderungen bis zuletzt möglich sind.

Filmstill aus "Flee" © FinalCutforReal
Filmstills aus “Flee” © FinalCutforReal

Filmstill aus "Flee" © FinalCutforReal

Insgesamt gab es im Produktionsprozess „Flee“ drei Phasen des Animationsstils, der sich im Laufe der Zeit immer wieder geändert hat. Im Ergebnis ist der Film überwiegend als Graphic Novel erzählt. In den Rückblicken arbeitet die Animation, wenn es um Kindheits- oder Familienerinnerungen geht, mit sehr konkret gezeichneten Sequenzen, und wenn es um traumatische Erlebnisse auf der Flucht geht, mit schemenhaft und abstrakt gehaltenen Sequenzen. Die Jury beim Trickfilmfestival lobte genau dies: „Die Bildsprache des Films, den wir gewählt haben, macht die nicht vorhandene individuelle Entfaltung spürbar und es wird sichtbar, wie gut sich Dokumentation und Animation verbinden und eine eigene künstlerische Ausdrucksform finden. Der Film hat uns zutiefst berührt.“

Es brauchte Zeit für die Offenbarung

Der Afghane Amin kam als unbegleiteter Jugendlicher über einen Schlepper nach Dänemark. Lange Zeit zuvor hatte er mit seiner Mutter und drei Geschwistern illegal in Moskau gelebt. Als junger Mann outete er, nachdem er als Asylant anerkannt worden war, sein Schwulsein, fand in Dänemark einen festen Partner und baute sich eine Existenz auf als Wissenschaftler auf. Der Regisseur lernte ihn schon in der Schule kennen und seitdem sind sie gute Freunde. Er befragte ihn schon damals über seine abenteuerliche Flucht.

„Aber Amin wollte damals noch nicht darüber sprechen“, erinnert sich der Regisseur Jonas Poher Rasmussen. Erst nach über zwanzig Jahren war er dann bereit, auch über traumatische Ereignisse wie der Verhaftung seines Vaters. Um seine Anonymität zu wahren und seiner Erfahrungen zu visualisieren, wurde das Stilmittel der Animation gewählt. Der Animadoc-Film, der beim Sundance Festival als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, hatte ein Gesamtbudget von 3,3 Mio. Euro – viel für einen Dokfilm, sehr günstig für einen abendfüllenden Animationsfilms, wie Charlotte Sanchez feststellt.

Astrid Beyer und Charlotte Sanchez © Ulrike Becker
DOKVILLE-Kuratorin Astrid Beyer (links) und Line-Producerin Charlotte Sanchez (rechts) © Ulrike Becker
Astrid Beyer und Charlotte Sanchez © Ulrike Becker
Astrid Beyer und Charlotte Sanchez © Ulrike Becker

Forderung nach Animationsfilmen für Erwachsene

Die Vorführung des Films „Flee“ nutzten das ITFS und die AG Animationsfilm für einen Appell, auch in Deutschland mehr Animationsfilme für Erwachsene zu realisieren. Denn die Stoffe sind auf dem Markt durchaus vorhanden, werden in Deutschland jedoch selten realisiert. Sowohl Filmförderungen als auch Fernsehsender konzentrieren sich darauf, Animationsfilme für Kinder zu unterstützen. Diese sind sowohl im deutschen Kino als auch im Ausland äußerst erfolgreich. „Eine stärkere Unterstützung von Animationsfilmen für Erwachsene würde die wichtige gesellschaftliche Relevanz von Animation stärken und wäre damit auch ein stabilisierender Faktor der Demokratie, da Animationsfilme, anders als Dokumentarfilme, oft durch ihre einzigartige Erzählweise, Ästhetik und Bildsprache ein neues Publikum erreichen und oftmals über einen längeren Zeitraum eingesetzt werden können“, heißt es in ihrer Erklärung. Als ersten Schritt fordern sie eine höhere Förderung für animierte Kurzfilme.