Fokus Iran: Frau Leben Freiheit – Sieben Winter in Teheran

Bei DOK Premieren am 13./14.6.23 und im DOKVILLE Talk „Frau Leben Freiheit“ (15.6.) stand die Situation der Frauen im Iran im Mittelpunkt. Impulse dafür lieferte der vom HDF mit dem Roman Brodmann Preis ausgezeichnete Dokumentarfilm „Sieben Winter in Teheran“. Das Filmgespräch mit Regisseurin Steffi Niederzoll führten Goggo Gensch (Stuttgart) bzw. Christine Schäfer (Ludwigsburg) vom HDF. Die Talkrunde am ersten DOKVILLE Tag moderierte Esther Saoub, SWR-Abteilungsleiterin Religion und Welt. Zweiter Gesprächsgast neben Steffi Niederzoll war die aus dem Iran stammende Journalistin Negin Behkam.

Starke Emanzipationsgeschichte

„Sieben Winter in Teheran“ von Steffi Niederzoll erzählt die Geschichte der Iranerin Reyhaneh Jabbari, die sich im Alter von 19 Jahren gegen eine Vergewaltigung wehrt und ihren Angreifer in Notwehr tödlich verletzt. Reyhaneh wird noch in derselben Nacht verhaftet und nach sieben Jahren im Gefängnis hingerichtet.

Regisseurin Steffi Niederzoll zeichnet in ihrem Dokumentarfilm-Debüt das Porträt einer jungen Frau, die im Gefängnis erwachsen wird und über die Jahre zu beeindruckender Stärke gelangt. Aus dem Gefängnis heraus setzt sie sich für Frauenrechte und die Freilassung anderer Insass:innen ein. Der bereits mehrfach ausgezeichnete „Sieben Winter in Teheran“ ist deshalb vor allem eine Emanzipationsgeschichte, die tief erschüttert, aber auch Mut macht. Die Zuschauer:innen der DOK Premieren zeigten sich sichtlich gerührt vom Schicksal der Iranerin und stellten der Filmemacherin zahlreiche Fragen.

Steffi Niederzoll über die Anfänge: „Ich habe mich in einen Iraner verliebt“

Über ihren damaligen Partner gelangt die Regisseurin an Video- und Tonaufnahmen, die Reyhanehs Familie während der Haftzeit aufnimmt.

https://www.youtube.com/watch?v=SCOky5bOtBQ

„Ich habe mich in einen Iraner verliebt, der auch politischer Filmemacher ist. Über ihn habe ich Familienmitglieder von Reyhaneh kennen gelernt und wir haben uns angefreundet. […] Sie haben mich gefragt, ob ich nicht einen Film mit dem Material, das sie aus dem Iran geschmuggelt haben, machen möchte.“

Zu Beginn des Projekts hat sie jedoch Zweifel: „Ich spreche kein Persisch, ich war bis heute nie im Iran. Es ist eine sehr persönliche Geschichte und ich wusste nicht, ob ich das machen kann. Dann habe ich Shole, Reyhanehs Mutter, kennengelernt. Das war ein magischer Moment und ich wusste, dass ich diesen Film mache“, erzählt Niederzoll.

Arbeit im Geheimen

Wie geht man mit der Verantwortung um, die so ein Vorhaben mit sich bringt? Die Regisseurin erzählt, dass sie während der fünfjährigen Arbeit am Film selbst mit engen Freunden und Familienmitgliedern nicht über das Projekt spricht. Um ihr Team zu schützen, war lediglich ein kleiner Personenkreis eingeweiht:
DOKVILLE 2023: Talk FRAU LEBEN FREIHEIT. Sieben Winter in Teheran (Foto: Günther Ahner/HDF)

„Man hat eine Verantwortung für die Geschichte, aber auch für viele Menschen, die mitgearbeitet haben. Es gibt sehr viele Anonyme im Abspann, dazu haben mir meine iranischen Freundinnen und Freunde geraten. Man schützt Leute am besten, indem man eben nicht erzählt, dass man diesen Film macht.“

Reyhanehs Stimme aus dem Gefängnis

Reyhaneh Jabbari beginnt 2014, kurz vor ihrem Tod, Selbstverteidigungsbriefe zu schreiben. Einen Teil der Briefe liest sie ihrer Mutter am Telefon vor, die sie wiederum aufnimmt und abtippt. So können ihre Worte aus dem Gefängnis geschmuggelt werden.

„Für mich als Filmemacherin war es natürlich Wahnsinn, Reyhanehs Stimme aus dem Gefängnis zu haben – es gibt eben diese Aufnahme. So fängt der Film an, das war das erste Mal, dass sie öffentlich ihre Stimme erhoben hat. Vielen dieser wunderbaren Texte, die mir Reyhaneh so nahegebracht haben, wollte ich eine visuelle Ebene geben.“

Gemeinsam mit Kamerafrau Julia Daschner entwickelt Niederzoll die Idee, die Stimme der jungen Frau mit Aufnahmen von leeren Räumen zu kombinieren. Im Atelier eines Freundes entstehen so handgefertigte Modellbauten der Gefängniszellen und der Wohnung, in der die versuchte Vergewaltigung geschieht. Die Familie vermittelt ihr Kontakte zu anderen Gefangenen. So können Orte möglichst realitätsnah abgebildet werden.

Still aus 7 Winter: Reyhaneh im Gerichtssaal - Alternativbild, Credit: Made in Germany

Die Modellbauten und das aus dem Iran geschmuggelte Material werden dramaturgisch klug mit Interviews der Familienmitglieder verwebt. In einem Schnittprozess, der zweieinhalb Jahre dauert, zeichnet die Regisseurin mit Editorin Nicole Kortlüke die Geschichte von Reyhaneh Jabbari.

Erschwerte Berichterstattung vor Ort

Bei DOKVILLE kam zudem die Frage auf, wie man im Iran selbst den Fall Reyhanehs medial aufbereitet habe. Als die damals 19-jährige Jabbari 2007 inhaftiert wird, arbeitet Negin Behkam vor Ort als Wirtschafts-Journalistin. Sie schreibt persönlich nicht über den Prozess, schildert die Berichterstattung ihrer Kolleg:innen aber als schwierig.

DOKVILLE 2023: Talk FRAU LEBEN FREIHEIT. Sieben Winter in Teheran (Foto: Günther Ahner/HDF)

„Ich glaube das Problem war, dass die Journalist:innen keinen Zugang hatten zu diesem Fall. Zu den Dokumenten, zu Reyhaneh selbst und zu der Familie.“ Und Steffi Niederzoll ergänzt: „Der Mann, der gestorben ist, hat für den Geheimdienst und die Revolutionsgarde gearbeitet – das macht diesen Fall so komplex.“

Das Problem ist allerdings nicht nur der Zugang zum Fall selbst. „Ich habe auch die Entwicklung in der iranischen Gesellschaft miterlebt in den Jahren, in denen ich da war. Es gibt Teile der Bevölkerung, die sich interessieren, und andere, die nicht wirklich Empathie mit einem Menschen wie Reyhaneh haben und ihr auch Schuldvorwürfe gemacht haben“, sagt Behkam.

Als Journalistin begleitet sie 2010 das öffentliche Aufbegehren gegen den zunehmend diktatorischen Iran. Aufgrund der Härte, mit der sie und ihre Kolleg:innen sanktioniert werden, verlässt sie ihre Heimat Teheran noch im selben Jahr.

Das Urteil und die Hintergründe

Am 16.12.2009 wird Reyhaneh Jabbari zum Tod durch den Strick mittels Blutrache durch die nächsten Verwandten verurteilt. Die Journalistin erklärt das Gesetz, welches auch im Iran umstritten ist

„Das ist eine sehr komplexe Situation. Ein sehr junger Mensch, in diesem Fall der Sohn des getöteten Mannes, muss entscheiden, ob Reyhaneh hingerichtet wird. Man sieht im Film, wie absurd das alles ist. Über sieben Jahre lang werden zwei Familien gegeneinander ausgespielt. Die Familie von Reyhaneh Jabbari muss die andere Familie die ganze Zeit um Verzeihung bitten und versuchen ihre Meinung zu ändern, damit ihre Tochter weiterleben kann.“

DOKVILLE 2023: Talk FRAU LEBEN FREIHEIT. Sieben Winter in Teheran (Foto: Günther Ahner/HDF)

Der Blick der deutschen Regisseurin

Für Steffi Niederzoll bedeutete die Arbeit an „Sieben Winter in Teheran“ eine große Herausforderung. Aus ihrer deutschen Perspektive musste sie Filmmaterial so einordnen und beurteilen, dass es auch einem iranischen Publikum gerecht wird: „Was ich mit meinen deutsch sozialisierten Augen in diesem Material gesehen habe, war nicht zwingend das, was Iraner:innen in diesem Material gesehen haben. Das galt es zu dekodieren und zu verstehen“, sagt sie. Behkam ist zuerst skeptisch, als sie von Niederzolls Film hört, spricht ihr dann bei DOKVILLE aber ein großes Kompliment aus: „Es ist wirklich ein Film für mich als jemanden, der im Iran aufgewachsen ist. Das ist dir wirklich sehr gut gelungen. Ich glaube, ich habe die ganze Zeit geweint. Ich konnte nicht mal atmen. Es war sehr, sehr berührend.“

DOK Premiere "7 Winter in Teheran", Caligari Ludwigsburg, 14.6.2023 (Foto: Günther Ahner/HDF, Filmstill: Made in Germany)
DOKVILLE 2023: Talk FRAU LEBEN FREIHEIT. Sieben Winter in Teheran (Foto: Günther Ahner/HDF)

Kampf um Frauenrechte als universelles Thema

„Frauenfeindliche Politik, frauenfeindliche Teile einer Gesellschaft, sexueller Übergriff, im Film werden viele universelle Themen angesprochen“, so die Journalistin. Niederzoll und Behkam sind sich einig, dass „Sieben Winter in Teheran“ auch deshalb ein wichtiger Film ist, weil er Themen anspricht, die Gesellschaften weltweit betreffen. Reyhaneh Jabbari hätte ihnen vermutlich zugestimmt. Kurz vor ihrer Hinrichtung sagt sie ihrer Mutter immer wieder: „Geh und hilf meinen Mitgefangenen, es macht mich nicht glücklich, wenn du nur für mich kämpfst. Wir müssen für alle kämpfen.“

Fotos: DOK Premiere in Stuttgart (13.6.2023) und Ludwigsburg (14.6.2023)

Die DOK Premiere ist eine vom Haus des Dokumentarfilms kuratierte Kinoreihe. Sie präsentiert in Stuttgart und Ludwigsburg aktuelle Dokumentarfilme plus Werkstattgespräche mit den jeweiligen Regisseur:innen. Im Stuttgarter Atelier am Bollwerk führte Goggo Gensch (Foto mit Steffi Niederzoll, rechts), im Ludwigsburger Caligari Kino Christine Schäfer (Foto mit Steffi Niederzoll, links) durch den Kino-Abend und Talk. In Stuttgart war zudem Ulrike Becker, Leiterin Haus des Dokumentarfilms, vor Ort, um die Kinobesucher:innen auf den DOKVILLE Talk aufmerksam zu machen. 

DOK Premiere "7 Winter in Teheran", Atelier am Bollwerk Stuttgart, 13.6.2023 (Foto: Ulrike Becker/HDF)
DOK Premiere "7 Winter in Teheran", Atelier am Bollwerk Stuttgart, 13.6.2023 (Foto: Elisa Reznicek/HDF)
DOK Premiere "7 Winter in Teheran", Caligari Ludwigsburg, 14.6.2023 (Foto: Günther Ahner/HDF)
DOK Premiere "7 Winter in Teheran", Atelier am Bollwerk Stuttgart, 13.6.2023 (Foto: Elisa Reznicek/HDF)
DOK Premiere "7 Winter in Teheran", Caligari Ludwigsburg, 14.6.2023 (Foto: Günther Ahner/HDF)
DOK Premiere "7 Winter in Teheran", Atelier am Bollwerk Stuttgart, 13.6.2023 (Foto: Elisa Reznicek/HDF)
DOK Premiere "7 Winter in Teheran", Atelier am Bollwerk Stuttgart, 13.6.2023 (Foto: Elisa Reznicek/HDF)

Buchtipp: „Wie man ein Schmetterling wird“

Das Buch „Wie man ein Schmetterling wird – Das kurze, mutige Leben meiner Tochter Reyhaneh Jabbari“ von Shole Pakravan und Steffi Niederzoll ist im Berlin Verlag erschienen. Über den Film hinaus erfährt man dort weitere Details zu Reyhanehs Haftzeit und Gerichtsprozess. 

€ 24,00 [D], € 24,70 [A]
Erschienen am 26.01.2023
272 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
EAN 978-3-8270-1370-5

„Sieben Winter in Teheran“ von Steffi Niederzoll (Produktion: Made in Germany Filmproduktion. Produzentin: Melanie Andernach; Gloria Films Production; TS Productions; WDR, Redaktion: Jutta Krug) kommt am 14. September 2023 in die deutschen Kinos.