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DOK Leipzig: Interview zum Dokumentarfilm „among us women“

Sarah Noa Bozenhardt und Daniel Abate Tilahun geben Einblick in die Entstehungsgeschichte von „among us women“. Der Dokumentarfilm feiert beim 64. DOK Leipzig am 26.10.2021 seine Weltpremiere. Er läuft im Internationalen Wettbewerb. Das Gespräch führte Astrid Beyer vom Haus des Dokumentarfilms.




 

Mehr zu dem Dokumentarfilm gibt es im Artikel „among us women feiert Weltpremiere bei DOK Leipzig“

Astrid Beyer: Wie würdet ihr euren Film beschreiben?

Sarah Noa Bozenhardt: Es ist ein Film über Gemeinschaft, über Beziehungen unter Frauen. Es ist auch ein Film über Sichtweisen, unterschiedliche Perspektiven in diesem Beziehungsgeflecht. Er geht den Themen nach, die im Leben von Frauen eine Rolle spielen, nicht nur in Megendi, Äthiopien, sondern darüber hinaus. Die Herausforderungen, denen wir in den Gesellschaften, in denen wir aufwachsen, begegnen. Und wie wir als Männer und Frauen interagieren.

AB: Wie war es für dich, Daniel, wieder an den Ort Deiner Kindheit zurückzukehren, nachdem du viele Jahre in der Großstadt Adis Abeba gelebt hast?

Daniel Abate Tilahun: Ich wurde in Megendi geboren und habe dort meine Kindheit verbracht. Aber ich war viele Jahre nicht dort. Dahin zurückzugehen für die Aufnahmen hat mich wieder mit meiner Kindheit verbunden, mit den Menschen in dem Dorf. Ich wollte Sarah Noa diesen Ort zeigen, denn auf dem Land ist es ganz anders als in der Stadt. Und da komme ich her. Das wollte ich ihr unbedingt zeigen.


AB: Der Film vermittelt den Eindruck, dass da jemand aus der Mitte der Frauen in Megendi herausfilmt. Sie kennen diese Person und sind sehr entspannt, so als sei die Kamera eine weitere Mitbewohnerin ihres Hauses.

DAT: Meine Mutter hat uns allen im Dorf vorgestellt, sie lebt dort. Und wir sind dann einige Zeit geblieben, damit sie uns kennenlernen. Es war ein Prozess, der über einen längeren Zeitraum ging.

SNB: Im Jahr 2016 waren wir einige Male in Megendi, immer über eine längere Zeitspanne, aber da haben wir noch nicht gedreht. Das kam erst nach dem Pitch Award vom Haus des Dokumentarfilms. Mit dem Geld haben wir 2017 unsere Kamerafrau Bernarda Cornejo Pinto eingeflogen und sie machte die ersten Aufnahmen, z. B. von Welela Assaye, der medizinisch ausgebildeten Hebamme im Gesundheitszentrum. Gleichzeitig ging die Recherche weiter. Einen der Clips haben wir dem „Kleinen Fernsehspiel“ gezeigt. Daraufhin zeigten sie Interesse.

AB: Wie habt ihr eure Protagonistinnen gefunden?

SNB: Es war ein Prozess des Kennenlernens. Für mich und auch für Daniel war es äußerst wichtig, viel Zeit in dem Dorf zu verbringen, dort zu leben. Für mich vielleicht sogar wichtiger, denn ich komme nicht aus der Community. Es musste sich richtig anfühlen, diesen Film als eine weiße Frau zusammen mit Daniel zu machen. Wir sind viele Male zurückgekehrt und blieben immer über mehrere Wochen. Als wir mit Filmen anfingen, kannten wir das Dorf gut und sie uns sehr gut. Mittlerweile hatte sich unter den Frauen herumgesprochen, dass wir einen Film über die Arbeit von Hebammen drehen wollten. Einige der Frauen, die im Film zu sehen sind, kamen zu uns. Hulu kam so in den Film, im Treatment war sie nicht eingeplant. Sie wollte in dem Film sein.

DAT: Hulu wollte uns zeigen, wer sie wirklich ist, ihre unterschiedlichen Seiten. Deshalb war es ihr wichtig ein Teil der Erzählung zu sein.

AB: Wann hat euch Hulu ihr Geheimnis anvertraut, dass ihr viertes Kind nicht von ihrem Ehemann ist. Vorher oder während die Kamera lief?

SNB: Wir wussten es nicht, bis sie uns die Geschichte vor laufender Kamera erzählt hat. Das war vor allem im Schnitt eine Herausforderung. Denn es ist ja Daniel, der sie, als Pate ihres Sohnes, besucht und dem sie ihr Geheimnis anvertraut. Wir haben verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, wie wir Daniel einführen könnten, aber es wurde immer verworrener, zu viele Fragen kamen auf. Letztendlich haben wir uns dafür entschieden, ihn als besuchenden Freund einzuschneiden. Wer Daniel bei der Premiere sieht, wird ihn sicherlich erkennen.

AB: Das ist ein besonderer Moment in dem Film. Hulu und Daniel albern anfangs herum und auf einmal erzählt Hulu ihre Geschichte und man meint eine Weile lang, dass sei Teil des Spiels zwischen den beiden.

SNB: Ja genau so ging es uns auch. Sie erzählt gerne Witze, ist lustig und wir dachten erst, es ist ein Scherz, bis sie immer ernsthafter wurde.

DAT: Hulu lebt mittlerweile mit ihren Kindern bei ihrer Familie und versucht sich eine Zukunft aufzubauen.

AB: Wie war es für eure Protagonistinnen sich in dem Film zu sehen. Sie haben viele persönliche Dinge von sich preisgegeben, über die sie normalerweise nicht in der Öffentlichkeit geredet hätten.

SNB: Wir sind im Mai dieses Jahres nach Megendi gereist. Aber wegen COVID konnten wir keine große Vorführung für das gesamte Dorf machen. Wir haben ihn aber allen Protagonistinnen gezeigt. Für Hulu war der Film ganz besonders, sie hat ihn zusammen mit ihrem Sohn angeschaut (der im Film geboren wird). Sie ging durch eine Achterbahn der Gefühle. Das konnte man auf ihrem Gesicht sehen. Wir hatten im Anschluss ein langes Gespräch mit ihr und sie sagte uns, dass sie sehr glücklich über diesen Film sei und ihre Geschichte mit der Welt teilen möchte. Daniel und ich hatten uns beim Schnitt immer wieder die Frage gestellt, ob wir das Recht dazu haben, ihr Geheimnis der Öffentlichkeit preiszugeben. Aber Hulu ist sehr stolz auf sich, auf ihre Entscheidung, die Wahrheit zu sagen und ein anderes Leben zu beginnen. Ich habe viel von Hulu gelernt und sie von uns. Sie hat sich viel mit unserer äthiopischen Crew unterhalten, die ein ganz anderes Leben hat als sie. Vielleicht hat sie das auch inspiriert.

AB: Wie habt ihr euch als Crew mit der Situation vor Ort auseinandergesetzt?

SNB: Außer mir und unserer Kamerafrau waren alle Crewmitglieder aus Äthiopien. Ich kenne das Land sehr gut, denn ich bin dort aufgewachsen. Dennoch handele ich aus der Position einer privilegierten weißen Frau heraus. Daniels und meine Familie sind eng befreundet, sie sind wie Familie, aber ich bin nicht aus Megendi, ich bin ein Gast. Das habe ich mir immer wieder vor Augen geführt. Bernarda und ich haben viel zugehört, wir nahmen das sehr ernst, nicht über die Situation der Geburt – ob zu Hause oder im Krankenhaus – zu urteilen. Darüber haben wir uns viel ausgetauscht. Jeden Tag haben wir uns als Team ausgetauscht, wie der Tag gelaufen ist, welche Themen für einzelne schwierig waren, wo wir uns anders benehmen sollten. Das war eine kontinuierliche Auseinandersetzung, sehr natürlich.

 


AB: Gab es Schwierigkeiten an bestimmten Orten zu filmen?

DAT: Das kam häufig vor, dass wir Drehgenehmigungen brauchten und eingeholt haben, die Lage vor Ort dann aber eine andere war. Das habe ich meistens direkt geregelt. Man braucht Genehmigungen für alle Orte und Einreisegenehmigungen für alle Crewmitglieder.

SNB: Wir hatten auch ein Zeitproblem, denn Hulus Geburt stand kurz bevor und mein Visum lief aus. Ich reiste also nach Kenia und kam innerhalb von 24 Stunden zurück. Um meine Aufenthaltsgenehmigung zu erneuern, musste ich Äthiopien verlassen und erneut einreisen. Sonst hätte ich es zur Geburt nicht geschafft. Das war zeitweise sehr stressig.

AB: Warum wolltet ihr einen Film über Hebammen machen?

SNB: Ich habe eine Tante, die ist Hebamme, hier in Deutschland. Und in Äthiopien wurde ich mal von einer Hebamme medizinisch behandelt. Sie haben diese unglaubliche Kraft, Energie und Ruhe. Sie sind sehr starke Frauen. Das fasziniert mich. Erst wollten wir einen Kurzfilm über Endal Gedif machen, eine sehr erfahrene siebzigjährige Hebamme. Während wir im Dorf waren, lernten wir die ausgebildeten Hebammen kennen und bekamen mit, dass es ein sehr komplexes Thema ist. So kam es zu unserem langen Dokumentarfilm.

AB: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg mit „among us women“!

Credits AMONG US WOMEN  
Buch & Regie: Sarah Noa Bozenhardt
Ko-Regie: Daniel Abate Tilahun 
mit Geschichten von Hulu Ager Endeshaw, Endal Gedif, Welela Assaye, Sirkalem Teshome
In kreativer Zusammenarbeit mit der Dorfgemeinschaft von Megendi
Deutschland, Äthiopien 2021 | 93 Min
Originalsprache: Amharisch, dt. & engl. UT
Produktion: Evolution Film
Koproduktion Deutschland: ZDF Das kleine Fernsehspiel, Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF
Koproduktion Äthiopien: Efuye Gela Media Productions; in Kooperation mit East Africa Film Production und Mirafilm
Gefördert durch Medienboard Berlin-Brandenburg, Mitteldeutsche Medienförderung, FilmFernsehFonds Bayern
Mit Unterstützung von Brot für die Welt, Guzzoni-Federer Stiftung, Christina Blecher, nuruWomen