„Tunnel der Freiheit”: Beeindruckendes Doku-Remake

Zum 60. Jahrestag des Mauerbaus hat Filmemacher Marcus Vetter ein Remake seines preisgekrönten Dokumentarfilms „Der Tunnel” produziert. Neu koloriert erzählt „Tunnel der Freiheit” die Geschichte von Studenten, die 1961 einen Tunnel nach Westberlin gruben.

Am 13. August 1961 beginnt der Bau der Mauer zwischen Ost- und Westberlin. Die Stadt ist geteilt und die Einwohner:innen voneinander getrennt. Viele versuchen zu fliehen, doch es wird immer schwieriger. Eine Gruppe von 41 Studenten baut einen Tunnel zwischen den Sektoren und ermöglicht damit 29 Menschen die Flucht. Die Aufnahmen der Aktion, bei der sie ihr Leben aufs Spiel setzen, werden an den US-amerikanischen Fernsehsender NBC verkauft. 1962 wird der Film ausgestrahlt.

Eine wahre deutsche Geschichte

Die dramatische Fluchtgeschichte hat Marcus Vetter bereits in den 1990er Jahren in dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Der Tunnel“ für die ARD umgesetzt. Heute erzählt er seinen Film als „Remake“ im Cinescope-Format noch einmal neu und in einem größeren Bogen. „Als ich damals 1999 den ersten Tunnel-Film gemacht habe, haben wir uns sehr auf die Tunnel-Geschichte in Berlin konzentriert. Was diesen Film hier unterscheidet, ist, dass wir ihn in einen großen Kontext gesetzt haben”, erzählt Marcus Vetter im Werkstattgespräch bei DOKVILLE 2021 online. Auch die Idealisten von damals kommen noch einmal zu Wort.

Filmstill aus "Der Tunnel" © NBC National Archive
Filmstill aus “Der Tunnel” © NBC National Archive
Filmstill aus "Der Tunnel" © NBC National Archive
Filmstill aus “Der Tunnel” © NBC National Archive

Die 16mm-Filme von damals wurden neu koloriert

Um die Thematik näher an den Zuschauer zu bringen, wurde das spektakuläre NBC-Material, auf 16mm-Film gedreht, erneut abgetastet und in einem aufwändigen Restaurierungsprozess mithilfe von KI koloriert, wie Marcus Vetter erklärt. Damit sind dem Publikum die Menschen von damals viel näher.

Durch die Kolorierung und das Einscannen des Materials entsteht eine noch nie dagewesene Schärfe. Bereits im ersten Tunnel-Film wurde das 16mm Rohmaterial zu SD umgewandelt. Mit den Mitteln, die heute möglich sind, ist das Filmmaterial noch nie bearbeitet worden. „Das schwierigste Material waren die Interviews, die auf SD vorlagen“, so Marcus Vetter im Filmgespräch mit Frank Rother.

Filmrollen, die Flucht dokumentieren, sind aktueller denn je

Die Filmrollen, die auf dem Dachboden einer der Tunnelbauer geborgen wurden, könnten angesichts weltweiter Flüchtlingskrisen kaum aktueller sein und haben an Brisanz und Einzigartigkeit nichts verloren.

Gefunden wurden die Filmrollen, 16mm schwarz-weiß Filme, auf dem Dachboden eines Tunnelbauers. Marcus Vetter hielt sie selbst in den Händen. „Als ich das Rohmaterial sah, habe ich 1999 entschieden, einen Langfilm über diese spektakuläre Tunnelflucht zu machen”, so Marcus Vetter. Er selbst lernte einen der Tunnelbauer kennen.

Filmstill aus "Der Tunnel" © NBC National Archive
Filmstill aus “Der Tunnel” © NBC National Archive

„Tunnel der Freiheit“

Die beiden Italiener Mimmo und Gigi, die den Vertrag mit NBC eingingen, sind bereits gestorben. Einige der Tunnelbauer leben allerdings noch. Für „Tunnel der Freiheit“ hat Marcus Vetter sie erneut aufgesucht. Gesprochen hat er auch mit Claus und Inge Stürmer, die bei einem Fluchtversuch getrennt wurden. Claus Stürmer gelang die Flucht, seiner damals schwangeren Frau Inge nicht. Er selbst arbeitete beim Tunnelbau mit, um mit seiner Familie vereint zu werden.

Die Geschichte der beiden ist sehr bewegend, aber keine Seltenheit. „Diese Szenen hat es sehr häufig gegeben. Deswegen haben wir sie auch gefunden. Die Geschichte, die Claus und Inge Stürmer erlebt haben, haben auch hunderte andere erlebt. Auf der anderen Seite saßen die Kameramänner und haben genau auf diese Geschichten gewartet”, erläutert Vetter bei DOKVILLE weiter. Es sind auch Geschichten, die nicht vergessen werden dürfen. „Alle guten Filme haben nicht nur eine gute Geschichte, sondern auch Protagonisten, die die Geschichte erzählen und sie glaubhaft und mit Leidenschaft vermitteln.“

„Ich habe nichts anderes gemacht, als das Material neu zu ordnen, dass man es ohne Kommentar versteht”, sagt Marcus Vetter. Daraus ist ein beeindruckender und bewegender Film geworden. „Tunnel der Freiheit“ erzählt vom Wagemut junger Menschen, von Vertrauen und Solidarität, von der Suche nach Freiheit und dem Überwinden von Mauern. Der Film stößt auch außerhalb Deutschlands auf Interesse und soll auch unter anderem in den USA zu sehen sein, wie Marcus Vetter erzählt.

Der Film „Tunnel der Freiheit“ ist exklusiv von MI, 16.6., 19 Uhr, bis SA, 19.6., 13 Uhr, exklusiv als Sneak Preview bei DOKVILLE online streambar, aber nur für Ticket-Inhaber:innen.

Ausstrahlungstermine:

22. Juli, 20:15 Uhr Arte (TV-Erstausstrahlung)
28. Juli, 23:30 Uhr ARD sowie anschließend in der Mediathek.