Regisseur Daniel Harrich © diwafilm/Jürgen Olczyk

Interview mit Daniel Harrich: „Bis zum letzten Tropfen“

Daniel Harrich, Regisseur und Drehbuchautor, ist bekannt für seine investigativen Langzeitrecherchen von internationaler Relevanz. Am 16.3.22 gestaltet er mit dem Spielfilm und der gleichnamigen Dokumentation „Bis zum letzten Tropfen“ das ARD-Special #unserWasser.

Daniel Harrich nimmt Konzerne in den Blick

Bei Daniel Harrich stehen häufig Großkonzerne im Fokus. Bei „Meister des Todes – Tödliche Exporte“ war es die Waffenindustrie. In „Gift – Gefährliche Medikamente“ zeigte er, wie die Pharmaindustrie mit Medikamenten schludert und Fälschungen oder Fehlerprodukte bereits den deutschen Markt erreicht haben. Und im Rahmen des groß angelegten ARD-Themenspecials #unserWasser nimmt er die Machenschaften der Getränkeindustrie mit dem Allgemeingut Wasser in den Blick.

Spielfilm und Doku „Bis zum letzten Tropfen“

In „Bis zum letzten Tropfen“ schildert Daniel Harrich die Auseinandersetzung des Bürgermeisters Martin Sommer (Sebastian Bezzel) mit der Firma PureAqua. Letztere macht ihm ein lukratives Angebot für Wasserentnahmerechte, das seinem idyllischen, aber klammen Kleinstädtchen Lauterbronn guttun würde. Arbeitsplätze sollen gesichert werden, das Umweltministerium unterstützt die Pläne und es werden falsche Gutachten erstellt.

Die Erstausstrahlung des Spielfilms findet am 16. März 2022 um 20:15 Uhr im Ersten statt (online first ab 9.3.); die gleichnamige Doku vertieft das Thema direkt im Anschluss ab 21:45 Uhr im linearen Programm. Beide Produktionen sind natürlich auch in der ARD Mediathek zu finden.

Weitere TV- und Mediathekentipps rund ums Thema #unserWasser gibt es bei dokumentarfilm.info.

DOKVILLE Ehrengast 2022

DOKVILLE Kuratorin Astrid Beyer hat mit Daniel Harrich über seine Arbeitsweise gesprochen und den Regisseur zudem als DOKVILLE Ehrengast für das Format „Im Gespräch mit“ eingeladen. Die Interviewreihe startete 2012 mit Georg Stefan Troller und begrüßte seitdem viele namhafte Filmschaffende auf dem Podium. Der Branchentreff vom Haus des Dokumentarfilms findet hybrid am 23. und 24. Juni 2022 im Hospitalhof Stuttgart und online statt.

Beyer erwischte Daniel Harrich nur kurze Zeit vor Ausstrahlung im Schnittstudio, wo sich der umtriebige Regisseur zwischen klingelnden Telefonen und Onlineschalten mit dem Bundestag Zeit für das Gespräch genommen hat.

Interview mit Daniel Harrich

Astrid Beyer: Herr Harrich, Sie wählen Themen, zu denen Sie viele Jahre recherchieren und verpacken Ihre Recherchen dann in investigative Spielfilme. Warum wählen Sie den Umweg über den fiktionalen Film?

Daniel Harrich: Der Grundsatz des investigativen Spielfilms ist zu sagen, wir arbeiten wie bei der Dokumentation. Es muss alles so oder ähnlich stattgefunden haben und alles so, dass man sagen kann, dass die Realität noch viel verrückter und erschreckender ist. Wir zeigen so nah wie möglich, was da eigentlich passiert – und im Spielfilm muss es eine Untertreibung sein. Das haben wir bei den Filmen zum Waffenexport (Anm. d. Red. „Meister des Todes – Tödliche Exporte“), der Herstellung giftiger Medikamente (Amm. d. Red. „Gift – Gefährliche Medikamente“) und bei dem Wasserthema ebenfalls gemacht. Damit die Zuschauer:innen, wenn sie die Doku schauen, nicht sagen, „da haben sie aber beim Spielfilm ziemlich auf die Pauke gehauen“. Es muss vielmehr so sein, dass, wenn man die Dokumentation sieht, sagt: „Das ist ja noch viel schlimmer“. Das ist der Grundsatz des Ganzen.

Der investigative Spielfilm ist, sozusagen, der Booster für das dokumentarische Arbeiten im investigativ journalistischen Sinne. Die großen, überparteilichen Themen, bei denen es egal ist, ob man links oder rechts außen oder voll in der Mitte ist. Politisch gesehen kann keiner bei guten Geschichten sagen: „Ich bin für minderwertige Medikamente, ich bin für illegale Waffenexporte oder ich bin dafür, dass wir den Klimawandel einfach ignorieren und das Wasser auch hier in Deutschland ausgeht.“

Sie haben das Drehbuch zu „Bis zum letzten Tropfen“ geschrieben. Wie realistisch ist diese Geschichte und wo sind Sie abgewichen?

Natürlich machen wir, Thomas Reutter (Dokumentation & Gesellschaft, SWR), Manfred Hattendorf (Film & Planung, SWR) und ich diese Spielfilme mit Leidenschaft und Energie, aber das Dokumentarische steht sogar bei den Dreharbeiten zum Spielfilm immer im Vordergrund. Es laufen immer, ich sage mal „Premium“-Komparsen durch das Bild. Echte Ministerialleute, Whistleblower aus den anderen Filmen, Bürgerinitiativen, Mitarbeiter:innen von Unternehmen, die das auch sehr kritisch begutachten. Da sind Geheimdienstler von früheren Filmen dabei, da läuft Ulrich Chaussy (ein investigativer Journalist, der jahrzehntelang zum Oktoberfestattentat recherchierte) durchs Bild, den Benno Fürmann in „Der blinde Fleck – Das Oktoberfest-Attentat“ gespielt hatte. Auf allen Ebenen ist es Teil der Arbeit und Teil der Begeisterung. In der Dokumentation werden wir einige Leute sehen, die auch beim Spielfilm vorbeigeschaut haben.

"Bis zum letzten Tropfen" © SWR/diwafilm/Jürgen Olczyk/Composing: Claudia Schlicht
“Bis zum letzten Tropfen” © SWR/diwafilm/Jürgen Olczyk/Composing: Claudia Schlicht

Im Spielfilm können wir dramaturgische Kniffe machen, z. B. bei der Erzählzeit, aber die journalistische Arbeit steht absolut im Vordergrund.
Für mich ist die Detailtreue im politisch investigativen, journalistischen Rahmen das oberste Maß und dann kommt alles andere. Wenn es dramaturgische Schwächen gibt, nehme ich sie eher in der Fiktion in Kauf als mir journalistische Schwächen vorwerfen zu müssen.

Wie finden Sie Ihre Themen und wo liegt der Fokus Ihrer Arbeit?

Die Arbeit, die wir machen ist ja nicht so, dass wir uns heute hinsetzen und einen Film über die Firma XYZ machen, z. B. Heckler und Koch. Das sind Themen, die über Jahre und Jahrzehnte wachsen. Also jetzt auch beim Wasser. Der Anfang geht zehn Jahre plus zurück. Über die vielen Jahre auch die Entwicklung mitbekommen haben, sauber, anständig und auch fair gegenüber den Firmen gearbeitet haben. Wir haben auch meistens, fast immer, direkten Kontakt zu diesen ganzen Unternehmen und Behörden. Der Fokus bei uns ist selten auf den Unternehmen – es gibt immer Dinge, die die Unternehmen tun – aber der Fokus ist überwiegend auf dem Gesamtgesellschaftlichen, auf dem Behördenaspekt, auf den Genehmigungsprozessen. Wenn es so etwas wie Korruption auf politischer Ebene gibt oder zumindest den Anflug von Vetternwirtschaft oder Bevorzugung. Das sind eher unsere Themen. Themen wie Gier oder in diesem Fall sind es Nachhaltigkeit und Verschwendung.

Wie sieht die juristische Beratung aus, wie sichern Sie sich ab?

Wir gehen sehr sorgfältig auf der juristischen Ebene damit um. Es gibt immer eine enge Abstimmung mit den Kolleg:innen der Sender, wie denen aus der Hauptabteilung Dokumentation beim SWR. Da gibt es bei jeder Produktion eine sehr enge Abstimmung. Aber wenn es hart auf hart kommt, kommt es immer darauf an, dass man sauber gearbeitet hat. Es war bei uns ja schon einige Male hart auf hart und am Ende haben wir immer sauber gearbeitet. Wenn jemand Lust hat, mit uns in den Ring zu steigen, ist es für uns die beste PR, die möglich ist. Jedes Mal, wenn geklagt wurde, hat das publicitymäßig sehr gut geholfen.

Wie finanzieren Sie Ihre langen Recherchen?

Volle Selbstausbeutung (lacht). Ein Thema führt zum nächsten, so wie die Medikamente zu dem Wasserthema geführt haben. Als wir mit den Medikamenten 2009 für Arte die 90-minütige Doku über gefälschte Medikamente gemacht haben, kamen wir auf das Thema, weil wir davor etwas über Contergan gemacht hatten. Wegen der Medikamente waren wir in Indien unterwegs. Da war Wasser ein Riesenthema, als es bei uns noch gar kein Thema war. Da haben wir gesagt: „Oh, ein wichtiges Zukunftsthema, aber nicht für Deutschland.“ Aber jetzt über die Jahre, bedingt durch den Klimawandel, die Klimakrise 2013 (Anm. d. R. war eins der wärmsten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1880) vor allem, ist das auch ein Thema hier in Europa geworden. In Regionen, in denen es wenig Wasser gibt, noch weniger Wasser zu haben, ist eine Sache. Aber die Anpassung ist ja viel verrückter, wenn man in einem Land lebt, in einer Region, die von Wasserüberfluss geprägt ist und plötzlich hat man weniger. Das ist die Situation, die wir heute hier in Deutschland haben.

"Bis zum letzten Tropfen": Ava Sommer (Hannah Schiller) führt die Protestbewegung an © SWR/diwafilm/Jürgen Olczyk
“Bis zum letzten Tropfen”: Ava Sommer (Hannah Schiller) führt die Protestbewegung an © SWR/diwafilm/Jürgen Olczyk

Ihre jugendliche Protagonistin Ava, gespielt von Hannah Schiller, erinnert an die Umweltaktivistin Greta Thunberg. Die Zöpfe, der Kleidungsstil und die Vehemenz ihrer Reaktionen. War Ihnen die Parallele wichtig?

Nein, das ist tatsächlich lustig entstanden. Die Schauspielerin Hannah Schiller hat sich bei „Meister des Todes 2“, der Waffengeschichte, als Praktikantin fürs Szenenbild beworben. Ich wusste gar nicht, dass sie Schauspielerin ist. Wir waren auf der Suche nach einer Schauspielerin in ihrem Alter und sie wollte ein Praktikum bei uns machen. Sie war dann auch hier in München, hat gesagt, sie macht jetzt ihr Praktikum, obwohl sie eine „Tatort“-Hauptrolle angeboten bekommen hat. Wir haben ihr natürlich geraten, diese Rolle anzunehmen, und gesagt, dass wir in Kontakt bleiben. Wir haben unseren Film gemacht, sie hat ihren gemacht (Anm. d. Red. „Tatort: Parasomnia“) und viele Preise als Hauptdarstellerin gewonnen. Wir sind immer in Kontakt geblieben und es war klar, wenn der nächste Film kommt, schreibe ich eine Rolle für sie. Sie ist die Rolle geworden, weil wir uns 2018 kennengelernt haben, und die Rolle habe ich deswegen nur für sie geschrieben.

„Bis zum letzten Tropfen“ ist ein großes Projekt: Spiel- und Dokumentarfilm, dazu kommen Veranstaltungen und eine groß angelegte Social Media Kampagne. Wie hat sich Ihre Arbeit in den letzten Jahren verändert und sind die Budgets größer geworden?

Die Arbeit ist noch intensiver geworden, noch verrückter, größer, mehr. Noch komplexer, also auf allen Ebenen. Politisch, technisch, medial. Komplexer und herausfordernder – doch beim Budget hat sich gar nichts geändert. Ich bin auch gespannt, wie das mit dem Thema Inflation weitergeht, wie sich das auf die Medien auswirken wird. Man ist ja jetzt schon immer an den Grenzen von Allem. Ich werde aber weiterhin mit großer Freude arbeiten und wir, Mama, Papa, Sohn, werden uns weiterhin vollkommen aufopfern dafür. Denn wir leben für das Öffentlich-Rechtliche, wir leben genau dafür, was wir hier tun. Und das meine ich wirklich von ganzem Herzen. Und wir werden mit Kolleginnen und Kollegen auch da den richtigen Weg finden.

Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Gespräch genommen haben und viel Erfolg!

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