»Kleine Germanen« eröffnet außergewöhnliche Erzählperspektiven

Frank Geiger ("Kleine Germanen") im Gespräch mit Flora Roever (Foto: Günther Ahner/HDF)

Mit dem im Mai 2019 erschienenen animierten Dokumentarfilm »Kleine Germanen« eröffnen Frank Geiger und Mohammad Farokhmanesh eine neue Perspektive auf ein in der Gesellschaft kaum diskutiertes Thema: Die Erziehung der Kinder rechtsextremer, deutscher Familien. Den Themenblock »Kunst und Wirklichkeit – Außergewöhnliche Erzählperspektiven« moderierte Flora Roever vom Dokfest München. Sie sprach mit Frank Geiger, Regisseur und Produzent von »Kleine Germanen« (Little Dream Entertainment GmbH) über den Dokumentarfilm mit animierten Szenen.

„Kleine Germanen“ – Kindheit mit nationalsozialistischem Gedankengut

Filmstill aus
Filmstill aus „Kleine Germanen“

Nach dem Lesen eines Zeitungsartikels sei den Filmemachern bewusst geworden, dass rund um rechtsextreme Debatten stets Erwachsene im Fokus stünden. Der Artikel berichtete von einem vierjährigen Mädchen, das an Diabetes gestorben war, da ihre Eltern, aufgrund ihres germanisch ideologischen Glaubens, der Tochter Insulin verwehrten. 

Die beiden Filmemacher stellten sich die Frage, wie es wohl sei, in einer derart ideologisierten Welt aufzuwachsen und begannen mit ihren Recherchen. In ihrem Film „Kleine ‚Germanen“ machen sie darauf aufmerksam, wie stark Kinder bereits im frühen Alter durch die germanischen Ideologien ihrer Eltern beeinflusst werden. Sie zeigen auf, dass Kinder die Werte ihrer Eltern in dem Alter nicht hinterfragen können, sondern sie verinnerlichen und rechtsextremes Gedankengut ihr Weltbild bestimmt.

„Kleine Germanen“ – Doku über die Rolle als Aussteigerin

Filmstill aus
Filmstill aus „Kleine Germanen“

Einen Einblick in die frühe Radikalisierung von Kindern bekommen die Zuschauer*innen durch die Protagonistin des Filmes: Elsa. Sie verbringt als kleines Mädchen viel Zeit mit ihrem Großvater, lernt von ihm den Hitlergruß, völkische Traditionen und wie sie sich als Soldatin vor dem Feind zu verteidigen hat. Gehorsam und Disziplin prägen ihre Erfahrungen in der Kindheit und Jugend. Erst als Mutter von zwei Kindern schafft sie es, sich von der rechtsradikalen Szene zu distanzieren. In der Rolle als Aussteigerin erzählt sie in der Dokumentation von ihrer eigenen Geschichte, aber auch von der Erziehung ihrer beiden Kinder. Um sie als Person zu schützen, werden ihre Schilderungen mithilfe animierter Sequenzen und gecasteter Darsteller*innen anonymisiert.

Intensive Recherchen für den Film

Neben der Hauptprotagonistin Elsa beruft sich das Filmteam zudem auf Interviews mit Expert*innen, weiteren Austeiger*innen sowie Personen aus dem rechtsradikalen Milieu. Hinter der Produktion steckt folglich eine lange Recherche. Geiger berichtet von Kontakten zu zahlreichen Journalist*innen und der Aussteigerinstitution ‚Exit‘, über welche sie schlussendlich auch an die Protagonistin des Films gelangen konnten.

„Kleine Germanen“ – Förderungen

Vergleichbar aufwendig sei die Finanzierung der Produktion gewesen. ARTE und der SWR konnten ‚begeistert‘ und die Filmförderung aus Hamburg, die MFG Baden-Württemberg sowie die Filmstiftung NRW mit ins Boot geholt werden. Die aufwendigen Animationssequenzen nahmen den größten zeitlichen und finanziellen Faktor der Produktion ein. Mithilfe des Motion-Capture-Verfahrens und der Unterstützung von Andrew Bird beim zeitintensiven Schnitt konnte das Format von Animation und Dokumentation schließlich realisiert werden.

Frank Geiger ("Kleine Germanen") im Gespräch mit Flora Roever (Foto: Günther Ahner/HDF)
Frank Geiger ("Kleine Germanen") im Gespräch mit Flora Roever (Foto: Günther Ahner/HDF)
Frank Geiger zu Gast bei DOKVILLE 2019 (Foto: Günther Ahner/HDF)
Frank Geiger zu Gast bei DOKVILLE 2019 (Foto: Günther Ahner/HDF)

„Kleine Germanen“ als Doku für Kinder und Jugendliche

Der Aufwand hat sich gelohnt, denn der Film weckt vor allem das Interesse von Kindern und Jugendlichen. Bei den bis Ende Juni 32 Vorführungen quer durch Deutschland wurde der Dokumentarfilm in Schulklassen diskutiert. Die Art und Weise der Vermittlung lässt Kinder die Inhalte besser verstehen und erhöht deren Aufmerksamkeit. Wichtig war den Filmemachern, dass die Inhalte allein, ohne zusätzliche Kommentierung der Sequenzen, zum Denken anregen. Ergänzendes Schulmaterial zum Film unterstützt die Reflektion dieses gesellschaftlich relevanten Themas.

Der Film im öffentlichen Diskurs

Dennoch zieht die Produktion eines solchen Films nicht nur positive Resonanz nach sich. Gerade im Social Media finden sich Hasskommentare und Anfeindungen gegen das Produktionsteam. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass diese Dokumentation weiterhin zur Diskussion eines bisher gering debattierten Themas anregt. Die frühe Sichtbarmachung, gerade bei Kindern und Jugendlichen, ist ein bedeutender Schritt, um der Radikalisierung in Teilen der Gesellschaft ein Stück weit entgegen zu wirken.

Video zum DOKVILLE-Panel »Kleine Germanen«

Annika Weißhaar | Astrid Beyer

image_pdfAls PDF speichernimage_printDrucken
Share on facebook
Facebook
Share on twitter
Twitter