Filmemacherin und Produzentin Annekatrin Hendel im Gespräch

Annekatrin Hendel – Produzentin (It Works! Medien GmbH), Autorin, Regisseurin und mehrfache Preisträgerin ­­– inspiriert in diesem Panel als lebendige, vielschaffende Persönlichkeit, mit filmischem Werdegang auf Umwegen. Ihrer kritischen, kreativen, reflektierten, neugierigen und konsequenten Arbeitsweise verdankt sie sieben erfolgreiche Dokumentarfilme, die zwischen 2011 und 2019 produziert wurden. Bei DOKVILLE führt sie uns zusammen mit dem Filmjournalisten Knut Elstermann »Im Gespräch« durch ihr Werk und ihre persönliche Lebensgeschichte.

Annekatrin Hendel gewährt bei DOKVILLE 2019 Einblicke in Leben und Arbeit (Foto: Günther Ahner/HDF)

Schon immer, aber besonders in der Jugend, aufmüpfig und rebellisch gewesen, fliegt Annekatrin Hendel von der Schule, schlägt sich durch, wird schließlich Kostüm- und Szenenbildnerin und gründet 2004 ihre Produktionsfirma »It works! Medien GmbH«, denn: »Als Regisseurin kann ich gar nicht so viel Filme machen, wie sie eigentlich in die deutsche Filmlandschaft gehören«. Um dieses Leck in der Filmlandschaft zu beseitigen, widmet sich Hendel besonders der ostdeutschen Geschichte sowie Filmen mit dem Motiv des »Verrats«.

Durchbruch mit »Vaterlandsverräter«

In »Vaterlandsverräter«, dem ersten ihrer »Verratsfilme« porträtiert sie den gebrochenen Schriftsteller Paul Gratzik. Anfang der 60er Jahre unterschreibt er bei der Stasi, glaubt, es ginge um den Sozialismus. 1978 dann der große Bruch. Er beendet die Konspiration mit der Staatssicherheit, ist überzeugt, sie wolle ihn umbringen und lässt sich eine Zeit lang in die Psychiatrie einweisen. 1989 outet er sich als ehemaliger Spitzel und lebt in Folge davon allein, abgeschieden von allem auf einem Hof in der Uckermark.

Die Produktion von »Vaterlandsverräter« zog sich hin, es fehlte an Förderern. Dennoch war der Film Hendels Durchbruch als Regisseurin und Produzentin. Es folgten weitere Produktionen, die Bezug zu Thematiken der ostdeutschen Geschichte schaffen.

»Schönheit und Vergänglichkeit« mit persönlichen Bezügen

Mit »Schönheit und Vergänglichkeit« liefert Hendel ihren persönlichen Beitrag zum Mauerfall. In ihrer neuesten Produktion versucht sie dem Lebensgefühl der 80er Jahre in der DDR nachzuspüren und porträtiert markante Persönlichkeiten aus ihrem eigenen Freundeskreis. Neben dem Fotografen und Lebenskünstler Sven Marquardt begegnet sie auch zwei seiner Freunde aus der Ostberliner Punk-Zeit: Dominique „Dome“ Hollenstein und Robert Paris. Der Film erzählt von drei Freunden mit einer gemeinsamen Jugend im Osten, deren Werdegang geprägt ist von ihrem künstlerischen Blick auf die Welt, von Radikalität und Offenheit. Er ist auch eine Liebeserklärung an eine sich im ständigen Wandel befindlichen Stadt. »Schönheit und Vergänglichkeit« lief Anfang des Jahres im »Panorama Dokumente« Programm der Berlinale.

Knut Elstermann im Gespräch mit Annekatrin Hendel (Foto: Günther Ahner/HDF)
Knut Elstermann im Gespräch mit Annekatrin Hendel (Foto: Günther Ahner/HDF)
Annekatrin Hendel zu Gast bei DOKVILLE 2019 (Foto: Günther Ahner/HDF)
Annekatrin Hendel zu Gast bei DOKVILLE 2019 (Foto: Günther Ahner/HDF)

Auch »Fünf Sterne« ist (k)ein Film, der die Folgen des Mauerfalls verarbeitet. Kein Film deswegen, weil Annekatrin Hendel in »Fünf Sterne« Abschied von ihrer totkranken Freundin, der Künstlerin Ines Rastig nimmt. Sie sieht diesen Film eher als Würdigung ihrer »über alles geliebten Freundin Ines«. Bei der durch ein Stipendium geförderten Produktion stand nie zur Debatte, daraus einen erfolgreichen Kinofilm zu machen.

Die eigene Perspektive als roter Faden 

Produziert, so Hendel, werden Filme, die sie selbst vermisse. Filme mit Bildern über die DDR, aus ihrer eigenen Perspektive. Viele andere Produktionen vermitteln das Leben in der ehemaligen Republik – in ihren Augen – auf eine verfälschte Art und Weise, nehmen die DDR erst heute, und damit deutlich zu spät, aus der Perspektive des Fremden wahr. Sie dahingegen möchte Geschichte aus dem ostdeutschen Blickwinkel darstellen, das »was uns ausmacht und wie unsere Geschichte in die Gegenwart reinhaut«. Exemplarisch dafür greift ihr Film »Überleben in Demin« die Thematik von Vergangenheit und Gegenwart auf.

Was bei all ihren Erzählungen stark heraussticht sind ihre eigene Arbeitsweise und die Besonderheit ihrer Persönlichkeit. Durch ihre Haltung »mach‘s doch besser«, setzt sie eigene Ideen um, bevor sie mit Meckereien ihre Zeit vergeudet. Das Lustprinzip und ihre Ausbildung als Szenenbildnerin lassen sie kreativ bleiben. Ihre Reflexionen während der Produktionen unterstreichen ihr kritisches Vorgehen, so fragte sie sich selbst während des Drehs zu »Andersson«: »Ich mache einen Film über einen Verräter. Was bin ich dann eigentlich?« Annekatrin Hendel ist neugierig, interessiert daran, Filme über die DDR, die deutsche Geschichte zu drehen: »DDR. So? Das kenne ich gar nicht!« – Wobei sich hier wieder mit ihren Worten sagen lässt: »Dann mach‘s doch selbst«. Neben all der Kritik und Reflexion jedoch bleibt sie konsequent, indem sie auf den Punkt Entscheidungen trifft, so praktikabel bleibt. – Und ihre Karriere ist der eindeutige Beweis dafür, wie Knut Elstermann feststellt, »dass sie sehr gerne Dinge gemacht hat, die sie eigentlich gar nicht gelernt hatte…«

Filmemacherin und Filmjournalist im Gespräch (Foto: Günther Ahner/HDF)
Filmemacherin und Filmjournalist im Gespräch (Foto: Günther Ahner/HDF)
Annekatrin Hendel gewährt bei DOKVILLE 2019 Einblicke in Leben und Arbeit (Foto: Günther Ahner/HDF)
Annekatrin Hendel gewährt bei DOKVILLE 2019 Einblicke in Leben und Arbeit (Foto: Günther Ahner/HDF)

Zu sehen ist ein unterhaltendes, ansteckendes, mutmachendes Panel als Fortführung der etablierten DOKVILLE-Gesprächsreihe »Im Gespräch mit«, das durch große Transparenz Annekatrin Hendels Filmschaffen authentisch nach Außen trägt.

Video von Annekatrin Hendel im Gespräch mit Knut Elstermann

Annika Weisshaar | Astrid Beyer

Weiterlesen: zu den filmischen Lebensstationen von Annekatrin Hendel

Annekatrin Hendel will den Wechsel des Blicks provozieren. Vor allem hinsichtlich der Darstellung der DDR. Sie betrachtet Stoffe immer von heute und verknüpft sie mit frischen Elementen. Dieser Arbeitsweise nähert sich Kay Hoffmann vom Haus des Dokumentarfilms in seinem Artikel »Annekatrin Hendel: filmische Lebensstationen«

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