Innere Welten sichtbar machen – »Der Krieg in mir«

»Warum träume ich vom Krieg? Wenn ich es von außen betrachte, ist mein Leben völlig in Ordnung.« Seine inneren Träume sind der Anlass für Sebastian Heinzel einen Dokumentarfilm über seine Vergangenheit zu drehen, auf den Spuren seines Großvaters und dessen Traumata vom Krieg. In seiner Kindheit hatten sie eine sehr enge Verbindung zueinander, während sie viel Zeit zusammen verbachten, lauschte er fasziniert den Geschichten und Erlebnissen der älteren Generation.

Sebastian Heinzels animierter Dokumentarfilm »Der Krieg in mir«

Jahre später fragt er sich: Woher kommt das, all die Grausamkeit in meinen Träumen? Er stößt unter anderem auf die Bücher von Sabine Bode, die darin bespricht, wie stark die großelterlichen Erlebnisse die nachfolgenden Generationen prägen können. Davon inspiriert, beschließt Sebastian Heinzel, seine eigene Geschichte zu einem Film zu machen. Der animierte Dokumentarfilm »Der Krieg in mir« kam schließlich im März dieses Jahres in die Kinos. Es geht vor allem darum, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Darum, zu verstehen, was ihn heute innerlich beschäftigt.

Von links: Sascha Seidel, Adrienne Braun, Sebastian Heinzel, Igor Shin Moromisato und Cassis B. Staudt.

Für die Dokumentation arbeitet er deshalb eng mit einer Wissenschaftlerin des neuroepigenetischen Instituts an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich zusammen. Deren Forschungen verfolgen die These, dass sich Traumata in das Erbgut einschreiben. So können traumatische Erlebnisse an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Nachgewiesen wurden diese »Symptome« bereits anhand von Experimenten mit Mäusen. Obgleich diese Forschungen eher als vage Behauptungen erscheinen und der Wahrheitsgehalt noch umstritten ist, findet Heinzel auf seiner Reise Verbindungen und Parallelen zwischen ihm und den Erlebnissen seines Großvaters.

Filmemacher Sebastian Heinzel im Gespräch mit Journalistin Adrienne Braune

Schreiben sich Traumata über das Erbgut fort?

Immer wieder, in der Zeit vor dem Filmdreh, zieht es ihn für andere Produktionen nach Weißrussland. Er beginnt deshalb mit Recherchen nach den Einsätzen seines Großvaters und findet dann heraus, dass dieser Jahrzehnte zuvor an denselben Orten stationiert war. Die spürbaren Parallelen und Verbindungen werden für ihn endlich nachvollziehbar. Um alles noch mehr zu verstehen und Material für den Film zu sammeln, reist er mit seinem Vater an die Kriegsschauplätze. Dort erleben sie Gastfreundschaft ehemaliger Feinde, während sie gleichzeitig ihre eigene Distanz zueinander abbauen.

Auf der Suche nach den passenden Förderern dahingegen erschwerte diese starke Verbindung zwischen den Generationen die Sicherung der finanziellen Mittel. Die Inhalte der Dokumentation erschienen für die Produktionen zunächst zu privat und der wissenschaftliche Bezug zu hypothetisch. Erst nach einem langen Prozess – »es war ein Kampf« – konnte nach zwei Jahren die Finanzierung durch ZDF, der MFG, HessenFilm, die Film und Medien Stiftung NRW und das Bundesamt für Kultur der Schweiz gesichert werden.

Igor Shin Moromisato (Animation/Trick)

Zur Umsetzung von »Der Krieg in mir«

Was folgte war die Umsetzung des gesammelten Materials zu einem Film. Wie lassen sich aber die Inhalte, die sich im tiefen Innern eines Körpers abspielen, am sinnvollsten umsetzen? Dass der Dokumentarfilm animierte Sequenzen haben würde, war nicht von Beginn an klar. Als freieres, assoziativeres Mittel wurde die Animation der Traumszenen letztlich der Methode des Reenactments vorgezogen. Die animierten Szenen sollten zum einen die Privatsphäre des Protagonisten schützen und zum anderen den Inhalten interpretierbaren Raum geben. Umgesetzt wurden die Animationen von Igor Shin Moromisato. Sie sind zu 70 Prozent handgezeichnet. Um den Charakter des gezeichneten Protagonisten noch zugänglicher zu machen, dienten Fotografien von Heinzel als Vorlage, die in die Zeichnungen mit eingearbeitet wurden.

Filmemacher Sebastian Heinzel bei DOKVILLE 2019

Zur Musik von »Der Krieg in mir«

Auch die Musik sollte zugänglich, authentisch und intim werden. Mithilfe analoger Instrumente läuft sie dezent im Hintergrund, ohne »groß« zu sein. Cassis B. Staudt war es vor allem wichtig, Gefühle und Herzlichkeit zu vermitteln. Diese einzelnen verschiedenen Komponenten machten es für den Schnitt umso schwieriger, alles passend zusammenzufügen, sodass die Schneidearbeit von Sascha Seidel mehr einem »1000 Teile Puzzle« glich. Der Schnitt wurde so zu einer schönen Herausforderung, die jedoch im Film sichtbar gelungen ist.

Aufbereitung der Vergangenheit und Anreiz zur Reflektion

– Und nun, was beschäftigt uns nach dem Film? Was ist heute? Heinzel fügt ein: »Ich träume immer noch vom Krieg«. Aber es sind weniger die alten Kriegsschauplätze aus der Vergangenheit, die ihn beschäftigen. Mehr ist es der Krieg in der Gegenwart, kriegerische Träume mit aktuellem Bezug. Die Dokumentation versteht sich deshalb nicht nur als Aufarbeitung der persönlichen Vergangenheit des Protagonisten. Sondern er gibt auch Anreiz, die Gegenwart zu reflektieren. Der Film soll auf aktuelle Kriege und deren Grausamkeit aufmerksam machen. Er zeigt, was Kriegstraumata bewirken, wie sie einen verändern und beeinflussen. Als Film aus der Produktionsreihe »Filme für eine bessere Welt« ist es sein Ziel, dass sich die Gesellschaft mit dem Thema Krieg auseinandersetzt.

(Annika Weißhaar | Astrid Beyer)

Video des Panels zu »Der Krieg in mir«

Journalistin Adrienne Braun im Gespräch mit den Machern von »Der Krieg in mir«: Sebastian Heinzel, (Geschäftsführer Heinzelfilm GmbH), Igor Shin Moromisato (Animation), Sascha Seidel (Schnittmeister) und Cassis B. Staudt (Komponistin)

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