"Krieg der Träume" Filmstill von LOOKSfilm

DOKVILLE: Dokumentarische Dramaserie „Die Spaltung der Welt“

LOOKSfilm hat sich mit den beiden auch international erfolgreichen Dramaserien „14 – Tagebücher des Ersten Weltkriegs“ (2014) und „Krieg der Träume. 1918-1939“ (2018) einen Namen gemacht. Bei DOKVILLE stellten sie am Freitagnachmittag die dritte Staffel vor.

Revolutionäres Erzählkonzept

„Krieg der Träume“ Filmstill von LOOKSfilm

Der ARTE-Geschäftsführer Markus Nievelstein arbeitete im Gespräch mit Head-Autor Jan Peter und den Produzenten Regina Bouchehri und Gunnar Dedio bei DOKVILLE 2021 zunächst die besonderen Qualitäten der ersten beiden Staffeln heraus. Für ihn war der scheinbar fließende Übergang von der Inszenierung ins historische Archivmaterial eine besondere Qualität.

Vor zehn Jahren war es ein völlig neuer Ansatz, die Geschichte des Ersten Weltkriegs aus der Perspektive verschiedener Länder und basierend auf authentischen, privaten Quellen wie Tagebüchern und Briefen zu erzählen. „Der erste Weltkrieg hat zu einer regelrechten Explosion an Tagebüchern geführt“, wie Jan Peter feststellen musste. Diese Multiperspektivität war revolutionär, sowohl vom Inhalt als auch von der Produktion mit so vielen Ländern. Denn sie hatten natürlich völlig andere Sichtweisen auf die Ereignisse.

Vielsprachigkeit Europas

Gunnar Dedio beschrieb den Ansatz bei DOKVILLE sehr präzis: „Geschichte ist ein Narrativ und man geht von einem nationalen Narrativ aus. Aber es gibt nicht eine einzige Wahrheit, sondern verschiedene Perspektiven auf Realität“. Dies spiegelte sich z.B. auch in unterschiedlichen Sprachen wider, die eine europäische Identität ausmachen. Das war ein modernes Konzept, Geschichte zu erzählen. Resultat war ein Mehrteiler, wie man ihn vorher nicht gesehen hatte.

„Krieg der Träume“ Filmstill von LOOKSfilm

Kommunismus vs. Faschismus

In der zweiten Staffel für die Periode 1918-1939 und die Polarisierung des Kommunismus und des Faschismus wurde ihr Konzept der dokumentarischen Dramaserie weiterentwickelt. „Wir sind globaler geworden und haben uns noch stärker auf die Personalisierung von Erfahrung eingelassen“, so Jan Peter. Um das passende Archivmaterial zu finden, suchte ein ganzes Team weltweit in rund 80 Archiven. Die ausgewählten Lebensläufe sollten bestimmte Positionen repräsentieren, wie Regina Bouchehri zu berichten wusste: „Die Recherche nach Material läuft in verschiedenen Stufen und wird dann immer konkreter.“

Such nach Bildern des Alltags

Um die richtigen Bilder zu finden, müssen die Archive das Material entsprechend präzise erfasst haben. Diese Metadaten sind ein wichtiger Aspekt der Recherche. Das gesichtete Material wird von LOOKSfilm danach noch einmal sehr genau erfasst, damit in der Masse kein wichtiges Bild verloren geht. Das von bestimmten Interessen geleitete Archivmaterial lieferte zum Teil eine ganz eigene Perspektive auf die Ereignisse.

Für Gunnar Dedio sind allerdings die genau recherchierten Spielszenen zum Teil dokumentarischer als das vorhandene Archivmaterial. „Die Wirklichkeit ist oft komplexer und wir müssen die Szenen verdichten. Wir konzentrieren die Figuren, aber alles ist belegt“, erläuterte Jan Peter seine Vorgehensweise als Autor. Historiker:innen beraten die Produktion, doch sie haben wiederum eine ganz andere Perspektive auf die Geschehnisse, die weniger von Fragen des Alltags geprägt sind.

Regina Boucheri bei DOKVILLE 2021 © Günther Ahner/HDF
Regina Boucheri bei DOKVILLE 2021 © Günther Ahner/HDF
Jan Peter und Markus Nievelstein bei DOKVILLE 2021 © Günther Ahner/HDF
Jan Peter und Markus Nievelstein bei DOKVILLE 2021 © Günther Ahner/HDF
Gunnar Dedio bei DOKVILLE 2021 © Günther Ahner/HDF
Gunnar Dedio bei DOKVILLE 2021 © Günther Ahner/HDF

Jeder kann den Lauf der Geschichte verändern

„Krieg der Träume“ Filmstill von LOOKSfilm

„Die Spaltung der Welt“ erzählt den Weg Europas, der Sowjetunion, der USA und Chinas durch den Zweiten Weltkrieg und die Aufteilung in Ost und West über die Jahre 1939-1956. Die sechsteilige dokumentarische Dramaserie verbindet dabei erstmals die Kriegs- und Nachkriegszeit zu einem neuen, länderübergreifenden Narrativ.

Im Mittelpunkt stehen die Lebenswege von sechs Frauen und Männern verschiedener Nationen. Der deutsche Raketenforscher Wernher von Braun, der von den Nazis in die USA wechselte. Die US-amerikanische Kernphysikerin Joan Hinton, die später nach China flüchtete. Hedwig Höß, überzeugte Nationalsozialistin, Mutter von fünf Kindern und Ehefrau des Kommandanten des Vernichtungslagers Auschwitz. Golda Meir, jüdische Aktivistin und spätere Außenministerin sowie Ministerpräsidentin Israels. Der aus Martinique stammende französische Psychiater und Schriftsteller Frantz Fanon, der Anfang der 1960er einen Klassiker schrieb, dass sich die Kolonien befreien sollten. Der kommunistische Funktionär Nikita Chruschtschow, später Parteichef der KPdSU und Regierungschef der Sowjetunion wird in einer Phase gezeigt, in der ihn die Wenigsten kannten.

Individualität vs. Kollektivität

„Jede und jeder von ihnen lebt mit seiner ganz eigenen Wahrheit. Uns geht es auch darum, den Protagonist:innen menschlich näher zu kommen. Jeder kann den Lauf der Geschichte verändern“, so Regina Bouchehri. Jan Peter ergänzte: „Es gibt immer einen Punkt der Entscheidung, an dem man Nein sagen kann.“ Dies kann das Leben grundsätzlich verändern.

Die sechs Lebensläufe wurden sehr bewusst ausgewählt. Die polarisierenden Hoffnungen, Ängste, Blickwinkel und Entscheidungen dieser Menschen sind es, die exemplarisch für die erzählte Zeit, ihre Herausforderungen und ihre Relevanz für uns heute stehen. Durch das übergangslose Verweben von Drama-Elementen mit Archivmaterial entsteht aus oft unbekannten Bildern eine hoch emotionale Filmerzählung.

„Krieg der Träume“ Filmstill von LOOKSfilm

Geld schreibt Geschichte

Auch die dritte Staffel ist international angelegt mit vielen Partnern. Auf der einen Seite kann LOOKSfilm auf die Erfahrungen der ersten beiden Staffeln aufbauen und hat bewiesen, solch ein Mammutprojekt stemmen zu können. Auf der anderen Seite wechseln die Ansprechpartner:innen und muss neues Vertrauen für eine solche Produktion aufgebaut werden. Immer wieder spielen nationale Perspektiven auf die Geschichte eine wichtige Rolle, die in langen Gesprächen geklärt werden müssen. Dedio ist da ganz realistisch: „Geld schreibt Geschichte. Nationen mit viel Geld haben die Möglichkeit, ein Narrativ zu prägen“.

Insgesamt hat der Sechsteiler ein Budget von knapp 10 Mio. €. Selbst wenn es noch keine Partner in Israel oder Russland gibt, werden sie trotzdem mit Meir und Chruschtschow vertreten sein, denn sie spielten eine wichtige Rolle für die Neugestaltung der Welt. Die Federführung in Deutschland hat der SWR und Arte übernommen. „Die Spaltung der Welt“ wird für lineare Fernsehsender produziert und eine Multimedia-Vermarktung ist noch nicht angedacht.

Die Teilnehmenden des DOKVILLE-Panels zu „Spaltung der Welt“. Fotos: Günther Ahner/HDF

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