DOKVILLE Kuratorin im Gespräch mit Daniel Harrich © Günther Ahner/HDF

Daniel Harrich: politische Durchschlagskraft durch Faktentreue

Daniel Harrich war bei DOKVILLE 2022 als Ehrengast geladen. In der Reihe „Im Gespräch mit” gab er Kuratorin Astrid Beyer und dem Publikum spannende Einblicke in Arbeit und Selbstverständnis eines investigativen Filmemachers, für den Beruf gleichzeitig Berufung bedeutet.

Harrich wäre fast Banker geworden

Es hätte auch ganz anders kommen können: „Eigentlich wollte ich Investmentbanker werden”, verrät Daniel Harrich am ersten DOKVILLE Tag. Als Kind habe er sich immer für seine Eltern geschämt, die beide Dokumentarfilmschaffende sind. „Deswegen wollte ich immer etwas Anständiges werden.” Sein Vater überzeugte ihn schließlich davon, sich bei seiner Berufswahl für etwas zu entscheiden, was ihn begeistert. Er gab dem Film daraufhin eine Chance und ging in die USA.

Fiktionale Anfänge

Sein Studium am renommierten American Film Institut Los Angeles schloss er mit einem fiktionalen Kurzfilm ab, für den er mit Preisen überschüttet wurde. „Das war toll. Ich habe nie wieder so aufwendig gedreht wie bei diesem Kurzfilm. Im Zuge der Finanzkrise 2008 ging der Trend hin zu lokalem Produzieren. So kam ich zurück nach München, um eine Doku-Drama-Serie für Warner zu entwickeln”, erinnert sich Harrich.

Ein Projekt führt zum Nächsten

„Ich bin immer weiter in den Kreativbereich eingestiegen. Relativ früh ist dann auch schon die ARD mit im Boot gewesen. Es ist unglaublich, wie schön die Zusammenarbeit dort ist”, berichtet Daniel Harrich. Der Stoff zum Oktoberfestattentat, seinem ersten investigativen Langzeitprojekt mit politischer Relevanz, erreichte ihn per Zufall.

So war es eigentlich bei allen Themen, die wir in den letzten zehn Jahren behandelt haben. Meist beginne ich aus einem speziellen Impuls heraus mit den Recherchen: Im Falle des Attentats in München, meiner Heimatstadt, war es mir schlicht peinlich, dass ich so wenig über den schlimmsten Anschlag in Deutschlands Nachkriegsgeschichte wusste.

Daniel Harrich
DOKVILLE Ehrengast Daniel Harrich begeisterte mit seinen Einblicken in Leben und Werk © Günther Ahner/HDF

Faktentreue als oberstes Gebot

„Es gab damals schon einen Dokumentarfilm zum Oktoberfestattentat. Ein Kollege sagte daraufhin: Mach doch einen Spielfilm daraus! Das habe ich dann getan”, so Harrich. Um schlussendlich doch seinen Kopf durchzusetzen, machte er einen Spielfilm mit Starbesetzung, bei dem er sich akribisch an die Fakten hielt und juristisch sauber aufgestellt war. Die Geschichte des Oktoberfestattentats wurde im Zuge dessen neu geschrieben.

Nebenbei erfand er ein eigenständiges Fernsehformat, das bis heute sehr erfolgreich ist. „Das war ziemlich irre, weil wir damals gar nicht wussten, dass wir etwas ganz Neues geschaffen haben.” Hieb- und stichfest recherchierte Dokumentarfilme in Kombination mit einem aufwendig produzierten Fernsehfilm sind seither das Steckenpferd des Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten.

Zwischenmenschliches Fingerspitzengefühl

Daniel Harrich bedient sich des durch den Spielfilm erzeugten politischen Drucks vorzugsweise als Hebel, um an noch mehr Akten zu seinen Fällen zu kommen. Für ihn ist „der Spielfilm das große Schlachtschiff für die dokumentarische Arbeit. Alles, was wir für Zweitere nicht benutzen können, lassen wir auch im Spielfilm weg. Im Dokumentarfilm wird dem Publikum dann deutlich, dass es in der Realität noch viel schlimmer ist. Dieser Effekt bewegt etwas bei den Leuten. Und man muss sagen: es funktioniert. Wir dürfen es auf keinen Fall wagen, unser Publikum zu unterschätzen. Wir erreichen mit aufwendig recherchierten Themen wirklich Millionen.”

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Mittlerweile haben Harrichs Filme ihre Premiere regelmäßig im Bundestag. Auch dort ist das Publikum teilweise aufmerksamer, wenn es sich um einen Spielfilm mit bekannten Schauspieler:innen wie Veronika Ferres handelt. „Das ist unsere Strategie, wie wir auch eine richtige politische Wucht entwickeln können”, sagt Harrich.

Weiterlesen: Im März hat Harrich DOKVILLE Kuratorin Astrid Beyer ein ausführliches Interview über sein aktuelles Projekt zur Wasserkrise gegeben. Dieses wurde im Spielfilm „Bis zum letzten Tropfen” und in der Doku „Unser Wasser” aufbereitet.

Demokratie als Berufung

Harrichs Talent besteht darin, größere Zusammenhänge in einem Berg von Informationen, bestehend aus einer Mischung von Datenjournalismus und Leaks, auszumachen. Als Ziel seiner Bestrebungen definiert er dabei das, was er auch als den hauptsächlichen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sieht: „Genau darum ging es heute schon in dem Panel zu Fakes und Fakten. Qualität ist das A und O. Das rechtfertigt unsere Existenz. Das ist unsere Pflicht, weil es ein Teil der Wahrung dessen ist, was mir mittlerweile am meisten am Herzen liegt: unsere Demokratie.”

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