Capital B DOKVILLE Panel Annette Muff, Florian Opitz, Søren Schumann

Doku-Serie CAPITAL B: Soziogramm einer Stadt

Abschluss des diesjährigen DOKVILLE ist die Serie CAPITAL B – WEM GEHÖRT BERLIN? Der zweimalige Grimme-Preis-Träger Florian Opitz, Editorin Annette Muff und RBB/ARTE Redakteur Søren Schumann stellen ihr neues Projekt erstmals ausführlich öffentlich vor.

Konkurrierende Ideen für das wiedervereinte Berlin

Die fünfteilige Serie CAPITAL B startet mit dem Fall der Berliner Mauer im November 1989. Auf ein Gefühl großer Freiheit und grenzenloser Möglichkeiten folgten bald Straßenkämpfe von Polizei und Hausbesetzerszene. Die machthabenden Politiker:innen träumten von einer Weltstadt, die mit New York und Paris vergleichbar sein sollte. An alternativen Ideen für eine bewohner:innenfreundliche Stadtentwicklung mangelte es zwar nicht, doch sie gingen bald im beginnenden Ausverkauf der Stadt an kapitalträchtige Bau-Mogule und Großunternehmen unter.

CAPITAL B Panel, Moderatorin Angelika Knop

„Es geht um Macht. Es geht um Gier. Es geht um Korruption, Kriminalität, Rassismus, aber auch Musik und Clubleben“, so Medienjournalistin Angelika Knop in der Anmoderation. Für Florian Opitz geht es um die Strukturen unserer Gesellschaft: „Mich als Dokumentarfilmer interessieren besonders Nachrichten, die im normalen Fernsehen nicht viel Platz haben, obwohl sie unser Leben stark beeinflussen. Das macht es nicht immer leicht, finanziell über die Runden zu kommen, aber ich habe mich immer mit Themen beschäftigen können, die mich wirklich ansprechen.“

Idee nur mit Öffentlich-Rechtlichen realisierbar

Søren Schumann hat als RBB/ARTE-Redakteur großes Interesse an seriellen Doku-Formaten mit Tiefgang, einer besonderen Bildästhetik und ungewöhnlichen Themen. So stellte er 2021 PSYCHO und PSYCHOBUGS zusammen mit der Regisseurin Antje Behr und Producerin Jessica Kraus bei DOKVILLE vor. Nun hat er den Entstehungsprozess von CAPITAL B redaktionell begleitet: „In diesem Fall haben sich wirklich beide Sender stark engagiert. Natürlich nicht auf Anhieb, aber am Ende war die Produktion finanziell gut ausgestattet und wir konnten auch auf diverse Fördergelder zurückgreifen.“

Für eine multiperspektivisch und mit enorm viel Archivmaterial arbeitende Serie wie CAPITAL B war dies in den Augen Florian Opitz‘ auch notwendig: „25 Protagonisten würden viele Geldgeber von vornherein ablehnen, weil das eine sehr hohe Anzahl ist. Aber wir brauchten sie, um die Serie in dieser Gleichzeitigkeit und Vielschichtigkeit der Milieus zu erzählen.

Mein Kollege David Bernet und ich dachten ursprünglich, wir würden diesen Serienstoff mit den neuen Marktteilnehmern umsetzen. Wir planen diese Serie seit 2018. Damals gab es im Öffentlich-Rechtlichen auch noch nicht so viele Sendeplätze dafür. Mittlerweile sind wir sehr glücklich, bei RBB und ARTE gelandet zu sein. Besonders positiv überrascht hat uns, dass wir einige Diskussionen, von denen wir vermutet haben, dass wir sie führen müssen, gar nicht führen müssen. Zum Beispiel die um den Kommentar.“

Kein Kommentar

Florian Opitz interviewte mit seinem Team circa 30 Vertreter:innen der verschiedenen Visionen für das wiedervereinte Berlin. 29 von ihnen kommen im fertigen Produkt vor. Die größte Herausforderung bestand darin, die verschiedenen Stränge der Story einerseits gesondert zu erzählen, sie andererseits aber zueinander in Beziehung zu setzen. Diese Arbeit leistet die Montage, die vollkommen auf einen einordnenden Off-Kommentar verzichtet.

Muff beschreibt diese Tätigkeit als mühsame Hirn-und-Kopfarbeit. Der erste Schritt bestand in der Transkription aller Interviews, die entsprechend der Vorgabe des Regisseurs aufs Wesentliche reduziert wurden. Auf dieser Grundlage wurden dann Podcasts geschnitten. Die Schwierigkeit bestand laut Annette Muff darin, strikt dem Roten Faden zu folgen: „Die Leute kommen natürlich beim Reden von Hütchen zu Stöckchen. Das ist dann die Kunst, da die wichtigen Punkte herauszufiltern.“ 

Kunst der Montage

Die ganze Serie ist in zwei große Stränge unterteilt: Die Entscheider:innen aus Berlin und diejenigen, die von deren Beschlüssen direkt betroffen waren und beispielsweise ihre Wohnungen zu verlieren drohten oder deren Clubs geschlossen wurden. „Das wird in der Serie CAPITAL B kontrastiert und verdichtet. Die Statements knallen richtig aufeinander, indem sie einander in der Montage gegenübergestellt werden. Und einige Personen nehmen wirklich kein Blatt vor den Mund. Das entfaltet ganz andere Sogwirkung, als wenn ein vermeintlich objektiver Kommentar relativ monoton im Hintergrund erklärt, wer die Guten und wer die Bösen sind“, so Søren Schumann.

„Und so kann sich der Zuschauer natürlich selbst überlegen, wem er glaubt. Wir haben aber niemanden auf’s Glatteis geführt. Einige Menschen haben hier, glaube ich, bewusst ein Bild von sich für die Nachwelt konstruieren wollen. Sie wollten die Chance nutzen, nochmal alles aus ihrer Sicht zu erzählen“, ergänzt Annette Muff. Unter den Interviewpartner:innen sind beispielsweise der ehemalige CDU-Politiker Klaus-Rüdiger Landowsky, die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Musiker Peter Fox. Ihre Aussagen werden geschickt mit dem eigentlichen Kern der multiperspektivischen Produktion, verzahnt: Dem Archivmaterial.

Archivmaterial aus den letzten 30 Jahren Berlin

Capital B bei DOKVILLE 2023Die wichtigen Wendepunkte in der Entwicklung der Stadt werden auf diese Weise nicht nur bebildert, sondern es wird auch deren Zeitgeist eingefangen. Über den besonderen Stellenwert, der Montage in diesem Film einnimmt, spricht Annette Muff, Editorin von CAPITAL B. Sie kannte Opitz bereits von ihrer Arbeit an dem groß angelegten episodischen Filmprojekt 24 STUNDEN BERLIN (2009), bei dem sich verschiedene Regieführende mit ihren Teams einbrachten: „Danach war ich völlig platt“, gibt Muff freimütig zu. „Als Florian Opitz mich eines Tages fragte, ob ich seinen neuen Dokumentarfilm SPEED – AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT (2012) schneiden könnte, war er zum Glück sehr hartnäckig. Das ist eine seiner größten Tugenden.“

Enorme Materialmengen zu bewältigen

Das Projekt war mit enormen Rechercheaufwand verbunden, so Muff: „Wir hatten zusammengerechnet ungefähr 1200 Stunden Archivmaterial und 400 bis 500 Stunden Interview. Das ist einfach eine ganze Menge Holz.“ Ohne eine Archivassistenz, die eine Vorauswahl trifft und das Material Florian Opitz‘ Vorgaben entsprechend verschlagwortet, wäre das Projekt in dieser umfangreichen Form nicht möglich gewesen. Grundstock für die Produktion seien die Archive von RBB und WDR gewesen. „Wir haben natürlich auch viel dazugekauft, zum Beispiel von Spiegel-TV oder internationalen Archiven. Einiges stammt auch aus einschlägigen Dokumentarfilmen. Wir zeigen, wie die Stadt wurde, was sie heute ist und zwar von 1989 bis letzte Woche“, erzählt die Editorin dem DOKVILLE Publikum.

Demensprechend aufwendig gestaltete sich auch der Schnittprozess. „Wir haben vorher beschlossen, dass wir das bestgehütete Geheimnis der Branche lüften: Ich kam auf die Anzahl von neun Wochen Schnitt pro Folge“, verrät Annette Muff dem anwesenden Fachpublikum. Das mag lang erscheinen, Muff betont jedoch, dass ihre Arbeit diese Zeit schlicht erfordere.

Capital B, Moderatorin Angelika Knop und Annette Muff
Capital B, Panel-Gäste Florian Opitz, Søren Schumann

Jede Einstellung transportiert eine Einstellung

Bei uns herrscht mittlerweile eine größere Sensibilität dafür, die Zuschauenden an den Rändern der Gesellschaft, die sich nicht vom Öffentlich-Rechtlichen wahrgenommen fühlen, auch mitzunehmen.“ Dafür müsse man unterschiedliche Sichtweisen ganz fair nebeneinander abbilden und dabei die eigene politische Haltung vollkommen ausblenden, meint Redakteur Søren Schumann. Dies zu gewährleisten, zähle er zu seinen beruflichen Aufgaben.

Florian Opitz hingegen verstehe sich in erster Linie als Dokumentarfilmer und in zweiter Linie als Journalist: „Ich finde, dass es als Dokumentarfilmer erlaubt sein muss, eine Haltung zu haben. Und dass man diese Haltung möglicherweise durchschmeckt, müsste meiner Meinung nach bei einer dokumentarischen Serie ebenfalls erlaubt sein.“

TV-Premiere ist am Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober 2023 beim deutsch-französischen Kultursender Arte. Einige Tage früher erscheint die Serie CAPITAL B – WEM GEHÖRT BERLIN? in der Arte Mediathek.

Produziert wird die Serie von Port au Prince Film & Kultur GmbH und Fruitmarket. In Koproduktion mit RBB, WDR und in Zusammenarbeit mit ARTE.

image_pdfAls PDF speichernimage_printDrucken
Facebook
Twitter